Warum die Winddrücke kartieren
Wenn der Wind auf ein Gebäude trifft, begnügt er sich nicht damit zu „drücken“: er erzeugt ein komplexes Druckfeld — Überdruck auf der exponierten Seite, Unterdruck an den Seiten, am Dach und auf der Leeseite. Dieses Feld bestimmt drei wesentliche Aspekte.
Strukturlasten
- Kräfte auf Fassaden, Dächer, Verglasungen und Befestigungen.
Natürliche Belüftung
- Die Druckdifferenz zwischen den Flächen ist der Antrieb der Luft.
Komfort & Sicherheit
- Überschwindigkeiten, lokale Abrisse, Verhalten der Markisen.
Der Staudruck: die Energie des Windes
Die gesamte Studie geht von einer Referenzgröße aus: dem Staudruck, der die kinetische Energie des Windes pro Volumeneinheit misst.
Die Windgeschwindigkeit ist nicht gleichmäßig: sie wächst mit der Höhe gemäß einem Profil der atmosphärischen Grenzschicht, das von der Rauigkeit des Geländes abhängt (Stadt, Land, Meer). Deshalb steigen die Drücke zur Spitze der Türme hin stark an.
Der Druckbeiwert (Cp)
Der Druckbeiwert Cp ist eine dimensionslose Zahl, die den lokal auf eine Fläche ausgeübten Druck auf den Referenz-Staudruck bezieht. Ein positiver Cp bedeutet einen Überdruck (die Fläche wird gedrückt); ein negativer Cp einen Unterdruck (die Fläche wird angesaugt).
Der Cp hängt von der Geometrie des Bauwerks, der Windrichtung und der Umgebung (Nachbargebäude, Relief) ab. Genau das versucht man zu bestimmen — durch normative Tabellen oder durch Simulation.
Überdrücke luvseitig, Unterdrücke überall sonst
Die typische Druckverteilung um ein dem Wind ausgesetztes quaderförmiges Gebäude:
Luvseite
- Überdruck (Cp > 0): die Luft wird gebremst und „presst“ sich auf die Fassade.
- Maximum nahe dem Staupunkt, im oberen Bereich.
Seiten, Dach & Leeseite
- Unterdruck (Cp < 0): die Luft beschleunigt und löst sich ab, was eine Sogwirkung erzeugt.
- Sogspitzen an den Dachrändern und den Ecken.

Es sind die Unterdrücke, die abreißen
Entgegen der Intuition stammen Dachschäden selten vom „Schub“ des Windes, sondern von den Unterdruckspitzen an Rändern und Ecken: die Hülle wird nach außen angesaugt. Diese lokalen, sehr konzentrierten Sogwirkungen sind am schwierigsten abzuschätzen.
Vom Nettodruck zu den Projektentscheidungen
Was wirklich dimensioniert, ist der Nettodruck: die Differenz zwischen dem Außendruck und dem Innendruck eines Raumes. Je nach Bedarf dient das Druckfeld dazu:
Die Hülle dimensionieren
- Windlasten auf Fassaden, Verglasungen, Sonnenschutz und Dächer.
- Überprüfung der Befestigungen und der angesetzten Elemente.
Die natürliche Belüftung speisen
- Das ΔP zwischen Ein- und Austritten bestimmt den durchströmenden Luftdurchsatz.
- Optimale Position der Öffnungen je nach vorherrschenden Winden.
Dasselbe Druckfeld speist also sowohl das Tragwerksbüro als auch die bioklimatische Konzeption des Gebäudes.
Eurocode 1 oder CFD-Simulation?
Der Eurocode 1 (EN 1991-1-4) liefert tabellierte Druckbeiwerte für die gängigen und regelmäßigen Formen. Er ist die regulatorische Referenz — wirksam, solange das Gebäude im Rahmen der Tabellen bleibt.
Doch sobald die Geometrie singulär wird (komplexe Formen, Hochhäuser, dichtes urbanes Umfeld, nicht standardisierte Dächer), stoßen die Tabellen an ihre Grenzen. Die CFD-Simulation berechnet dann das reale Cp-Feld für jede Windrichtung, unter Berücksichtigung der Nachbargebäude.
Eurocode 1
- Schnell, regulatorisch, für einfache Formen geeignet.
- Konservativ und außerhalb der tabellierten Fälle begrenzt.
CFD-Simulation
- Reale Geometrie und Umgebung, alle Windrichtungen.
- Unverzichtbar für außergewöhnliche Bauwerke.
Die aus der CFD gewonnenen Druckpläne
Die CFD-Simulation gibt einen kontinuierlichen Druckplan auf der gesamten Hülle wieder: jeder Quadratmeter erhält seinen Cp, für jeden Windsektor. Man lokalisiert präzise die Sogspitzen, quantifiziert die Antriebe der Belüftung und prüft die Wirkung von Änderungen (Vordächer, Windschutz, Standort) vor dem Bau.


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